Stopover im Nordosten: Middlesbrough

Da ich seit Anfang des Jahres in Oberhausen arbeite und dort ein soziokulturelles Projekt in Alt-Oberhausen begleite, stand ein Besuch in der englischen Partnerstadt Middlesbrough ganz weit oben auf der Wunschliste - zumal die Beziehungen zwischen beiden Städten trotz des nahenden Brexits ausgebaut werden sollen und Vertreter*innen der Stadt Oberhausen erst kürzlich eine Wiederbelebung der Städtepartnerschaft ausgehandelt haben. 

 

Dave Budd, bis Mai diesen Jahres Oberbürgermeister der Stadt, nahm sich Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang und ein gemeinsames Mittagessen, bei dem er erläuterte, welche Investitionen und Strategien der ehemalige Stahlstadt sich seit den 90er-Jahren positiv ausgezahlt haben: "In erster Linie die 1992 eröffnete Universität". Insbesondere die Studiengänge der Tesside University im Bereich Computeranimation und IT sind gefragt und es ist gelungen, ehemalige Studierende, deren neu gegründete Firmen heute internationale Aufträge erhalten, vor Ort zu halten. Möglich sei dies geworden, weil man zeitgleich daran gearbeitet habe, rund um den Campus Infrastruktur und urbanes Flair zu schaffen. Unter anderem durch den Aufkauf von Häusern (als Wohnraum für Studierende) und kleinteilige gestalterische Maßnahmen - während der Führung laufen wir durch Seitenstraßen mit bunten Fassaden und Murals, die größtenteils über die Stadt gefördert wurden ("junge Menschen interessieren sich für  Orte, eine günstige Miete allein reicht  nicht als Standortfaktor").

 

Weitere Meilensteine: der Umzug des Zweitligisten FC Middlesbrough an den Hafen (1995) und die Renovierung und damit verbundene Öffnung des imposanten und denkmalgeschützten Rathauses hin zu einem Veranstaltungsort für Konzerte und Veranstaltungen ("allein die Ankündigung der Renovierung hat ab dem Jahr 2015 Investitionen im Umfeld in Gang gesetzt"). Am Hafen hingegen sei noch viel Potenzial nach oben und die Entwicklung stocke - aber schon durch die Ansiedlung einer Fachoberschule (Middlesbrough College, eröffnet 1995) in Sichtweite zu Stadion und Hauptbahnhof habe sich  viel bewegt: "Für ältere Einwohner*innen der Stadt war dieses Gebiet hier über Jahrzehnte ein Raum, den sie gemieden haben. Die junge Generation hat keinerlei Vorurteile und spaziert heute selbstverständlich durch das Hafengebiet". In seiner Zeit als OB hat Budd darüber hinaus festgestellt, dass ein höherklassiger Fußballverein "unbezahlbar" für die Außenwahrnehmung einer Stadt sei. 

 

Insgesamt zeichnen sich Middlesbrough und Oberhausen durch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten aus. Nur eine Universität, die fehlt. Oberhausener*innen beklagen gerne, in der einzigen deutschen Großstadt ohne Uni, bzw. -standort zu leben und schieben das schwach ausgeprägte Image der Stadt auf die fehlende Studierendenschaft. Ein Argument, dass angesichts der Pendlerströme im Ruhrgebiet durchaus angreifbar ist. Immerhin zieht ein nicht unerheblicher Anteil der Studierenden an den Ruhrpott-Unis Köln oder Düsseldorf als Wohnort vor, höherer Mieten zum Trotz. Und um Duisburg als Beispiel zu nennen: das Image der Stadt  wird nicht gerade über die ansässige Universität definiert. Ob Oberhausen über Nacht massiv an Attraktivität gewinnen würde, sei also dahingestellt. 

 

Nichtsdestotrotz - an den Wunsch der Oberhausener*innen knüpft das Projekt "Freie Universität Oberhausen" an, ins Leben gerufen und vom Kollektiv hinter Kultur im Turm e.V. und ermöglicht durch das ministerienübergreifende Förderprogramm UTOPOLIS - Soziokultur im Quartier. Die Freie Uni versteht sich als Uni von unten für das Quartier und soll allen Menschen offen stehen, unabhängig von Alter, Bildungsabschluss und Hintergrund. Das erste Semester haben wir im Juli mit einer großen Party auf dem Oberhausener Museumsbahnsteig gerade erfolgreich abgeschlossen - auf dem Lehrplan standen unter anderem Debattieren, die Fußballhistorie des Ruhrgebietes, Moppern, die Erarbeitung einer feministischen Stadtführung, Street-Art in Theorie und Praxis und Kino selber machen. 

 

Im Kontext der wiederbelebten Städtepartnerschaft zwischen Oberhausen und Middlesbrough ein gemeinsames Seminar zu erarbeiten, zwischen der Uni von oben und ihrem Oberhausener Pendant von unten, wäre ein ehrgeiziges Ziel für das zweite Semester ab Frühjahr 2020, das auch in einem informellen Gespräch im wirklich sehenswerten Middlesbrough Institute for Modern Art angerissen wurde und mit nach Oberhausen genommen wird. 

 

Danke an Heidi Scholz-Immer für die Kontaktvermittlung!